Europa - Arbeitsplatzkiller oder Jobmotor?
In
nunmehr 25 EU-Mitgliedstaaten sind mehrere Millionen wahlberechtigte
Bürger aufgerufen, die Abgeordneten zum Europäischen Parlament zu
wählen. Wissen Sie eigentlich, wer Ihren Wahlbezirk im Europäischen
Parlament in Strassburg vertritt, was das Europäische Parlament zu
entscheiden hat? Lohnt es sich überhaupt, zur Europawahl zu gehen? Das
fragen sich viele Bürger. Die Meinungen dazu sind geteilt: Das bringt
uns sowieso nichts, und wenn ja, nur Schlechtes, mehr Bürokratie,
höhere Steuern, und ganz sicherlich keinen Fortschritt, urteilen
diejenigen, denen die europäischen Strukturen zu undurchsichtig sind.
Europa, das sind die Oberfunktionäre aus Brüssel, die es fertig
bringen, nach 10 Jahren Beratung die Norm für die EU-Banane
festzulegen, der moderne Turmbau zu Babylon, bei dem keiner den anderen
versteht, eine Bürokratie, die Unmengen Geld verschlingt. Dagegen steht
die Sicht der EU-Befürworter: Europa soll sich langfristig positiv auf
die Volkswirtschaften seiner Mitgliedsstaaten auswirken und wird
letztendlich allen EU-Staaten von Nutzen sein. Was ist also richtig?
Subventionieren wir mit unserem Steuergeld die EU-Konkurrenz und damit den Wegfall unserer eigenen Arbeitsplätze?
Der
Beitritt der neuen 10 EU-Mitgliedsstaaten (u.a. Polen, Tschechien, Slowakei, Estland, Lettland, Litauen) hat den Gegnern des
vereinten Europas Zulauf gebracht: Jetzt wandern unsere Arbeitsplätze
erst recht in die Billiglohnländer ab, und wir finanzieren das alles
noch mit unseren Steuergeldern, die über die EU-Töpfe den neuen
EU-Ländern zugute kommen. Also noch mehr Arbeitslosigkeit durch die
EU-Erweiterung in Deutschland? Noch höhere Steuerausfälle? Die
ökonomisch richtige Antwort auf diese Frage lautet: NEIN.
Für
die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland, für die drohende Gefahr, dass
wichtige staatliche Geldkreislaufsysteme wie Renten und Krankenkassen
kollabieren, gibt es viele Gründe - die EU-Erweiterung als solche zählt
nicht dazu. Schon vor der EU-Osterweiterung hat Deutschland Millionen
von Arbeitsplätzen zwangsläufig im Rahmen der sog. Globalisierung an
andere Volkswirtschaften verloren: an Indien, China und viele osteuropäische Staaten. Dieser Arbeitsplatzverlust war bereits in
vollem Gange - weit vor dem 01.05.2004. Politisch war dieser
Arbeitsplatzverlust nicht zu verhindern, denn Deutschland als die
größte Exportnation der Welt, die auf den Freiverkehr von Waren
Dienstleistungen, Patenten und Kapital angewiesen ist, hätte niemals
mit gesetzlichem Zwang die verlorenen Arbeitsplätze in Deutschland
halten können. Dass unsere Wirtschaftspolitik es verabsäumt hat, die
Entstehung neuer Arbeitsplätze, vorwiegend in der mittelständischen
Industrie, zu fördern, kann nicht der europäischen Integration
angelastet werden. Die unterschiedlichen Bemühungen der deutschen
Bundesländer um hochwertige Arbeitsplätze und die unterschiedlichen
Ergebnisse zeigen, dass unsere Krise weitgehend hausgemacht ist. Bayern
z.B. ist nur deshalb relativ krisenfest, weil dort Forschung, Bildung
und Ausbildung groß geschrieben werden. Man mag zu der CSU als
“bayerischer Staatspartei“ stehen wie man mag - die Verdienste Stoibers
um das beste Schul- und Ausbildungssystem und die unermüdlichen
Anstrengungen um die besten Ausbildungsplätze können nicht abgestritten
werden.
Deutschland kann nur im Ausland Wachstumsmärkte für seine Industrien erschließen.
Auch
die hohe Staatsverschuldung ist keine Folge der EU-Erweiterung. Hier
gilt Gleiches wie bei der Arbeitsmarktpolitik. Die von Hans Eichel
verkündete Katastrophe ist selbst verschuldet. So gesehen stellt sich
Europa sogar als Chance für Deutschland dar, durch den vergrößerten
Binnenmarkt und die neuen Möglichkeiten, in Wachstumsmärkte zu
investieren, zu mehr Beschäftigung und mehr Wohlstand zu gelangen.
Tatsache ist: Nur solche Unternehmen, die an den neuen
Wachstumsstandorten in China, Indien usw. sowie in den neuen
EU-Erweiterungsstaaten vertreten sind, werden auf Dauer auch deutsche
Arbeitsplätze erhalten können. Bei einer Zahl von ca. 4,5 Millionen
Arbeitslosen kann dies allerdings kein Grund sein, heute noch
Wachstumsmärkte zu vernachlässigen, in denen neue Arbeitsplätze
geschaffen werden können: In den Bereichen der Sensortechnik und der
Analyse-Forschung, der Nanotechnologie, der Biotechnologie und der
Umweltschutztechnik. Noch immer fehlt den Entscheidungsträgern auf
Bundesebene der Mut, die erforderlichen weitreichenden Umschichtungen
im Haushalt vorzunehmen. Wer getraut sich, die Subventionierung am
falschen Platz abzubauen und in die zukunftsträchtigen
Technologieträgerunternehmen zu investieren? Die rot-grüne
Bundesregierung auf jeden Fall nicht.
Die EU-Erweiterung und die Stabilisierung des Euro.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die EU-Erweiterung erforderlich war:
Die
Stabilisierung des Euro. Die deutsche Politik begreift inzwischen, dass
die Stabilität einer Währung auch von der Größe des Währungsgebietes
und von dem Anteil der Währung am Welthandel abhängig ist. Der Euro ist
wenige Jahre nach seiner Einführung - entgegen vieler Kassandrarufe
nationaler wie internationaler Währungsexperten - ein gemeinsamer
europäischer Erfolg. Je mehr Wirtschaftsnationen sich aus monetären,
politischen oder geostrategischen Erwägungen von dem US-Dollar als
Weltleitwährung, als Reservewährung und als Rohölwährung distanzieren,
desto mehr wird der Euro als zweite Weltreservewährung benötigt. Die
Zahl derjenigen Nationen, die in den letzten Jahren ihre
Währungsreserven mehr oder weniger heimlich von dem US-Dollar auf den
Euro umgeschichtet haben, wird immer größer: An der Spitze steht die
Volksrepublik China, die weltweit die größten US-Dollar-Reserven
unterhält (ca. 500 Milliarden US Dollar), gefolgt von Japan, Indien,
Russland usw.. Umso besser sind die Chancen der europäischen
Volkswirtschaften, den Handelsaustausch mit Waren und Dienstleistungen
zu steigern. So gesehen hat die Europäische Union dieselbe Strategie
gewählt wie sie heute für fast alle Konzerne und Unternehmen gilt:
Wachsen um jeden Preis, um nicht von anderen übernommen zu werden. Die
EU-Osterweiterung auf 25 Mitglieder bildet noch nicht den Schlusspunkt:
Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre könnten nach den Schätzungen und
Prognosen von Experten noch weitere 20 Nationen beitreten oder
jedenfalls mit der EU weitgehende Kooperationsvereinbarungen
abschließen. Doch welche Nationen sollen das sein: Die Türkei als
NATO-Mitglied, die Mittelmeer-Anrainerstaaten? Das würde bedeuten, dass
sich die EU auch auf den afrikanischen Kontinent wagt. Russland und die
anderen ehemaligen russischen Republiken? Ist die Geschwindigkeit der
Expansion nicht viel zu hoch? Muss die EU nicht jetzt eine
Konsolidierungsphase durchlaufen, das Erreichte zunächst stabilisieren?
Eine Europäische Verfassung - noch vor der Europawahl?
Jetzt
soll noch vor dem 13.06.2004 die Europäische Verfassung verabschiedet
werden. Aber wie soll diese Europäische Verfassung gestaltet werden?
Wie kann die EU sicherstellen, dass die EU in Zukunft weitere Staaten
aufnehmen kann, ohne sich wirtschaftlich zu übernehmen? Wie sollen die
Stimmrechte der einzelnen Mitgliedstaaten verteilt werden? Wird Europa
künftig auch noch funktionieren, wenn die Stimmenzahl nicht an die
Wirtschaftskraft oder an die Bevölkerungszahl gekoppelt wird? Die
Europäische Verfassung, die vielleicht schon in einigen Jahren eine
Weiterentwicklung vom Staatenbund zu einer bundesstaatlichen Verfassung
sein wird, kann nicht funktionieren, wenn jede kleine EU-Nation
dieselben Rechte erlangen würde wie die mittleren bzw. großen
Staaten. Außerdem würde eine solche EU-Verfassung es auf lange Sicht
unmöglich machen, z.B. mit Russland eine EU-Kooperation einzugehen.
Eine solche Kooperation wird aber maßgeblich über den weiteren Weg der
EU in dem sog. dominanten Dreieck USA - Europa - Asien entscheiden: Die
EU wird ihre hoch gesteckten Ziele nicht erreichen können, wenn es
nicht gelingt, Russland sinnvoll in die europäische Wirtschafts- und
Außenpolitik zu integrieren und mit Russland als Rohstoff- und
Rohölproduzent sowie als Hochtechnologieland Synergieeffekte
auszulösen. Die deutschen Ökonomen müssen begreifen, dass die Verteilung von
Arbeitsplätzen, Wohlstand, Auftragsbeständen, Geld- und Kapitalflüssen
und Währungsguthaben kaum noch über binnenpolitische
Mechanismen erfolgt. Deshalb führen auch die klassenkämpferischen Ansätze
unserer teilweise immer noch verfehlten Wirtschafts- und Sozialpolitik
nicht weiter.
Der Wirtschafts- und Währungskrieg
Der
Verteilungsmechanismus spielt sich im Rahmen der sog. Globalisierung
ab, ist aber in Wirklichkeit ein Wirtschafts- und Währungskrieg, der
von den führenden Industrienationen in der Form des Blitzkrieges -
hinein in die Wachstumsmärkte - geführt wird. Dabei geht es um einen Wettlauf Deutschlands
und Europas mit den anderen konkurrierenden Industrienationen, den
Europa nur dann für sich entscheiden kann, wenn es im Vergleich zu den
beiden anderen Partnern/Kontrahenten im dominanten Dreieck die
erforderliche Schlagkraft aufweisen kann. Deshalb war der Aderlass der
deutschen Volkswirtschaft im Zusammenhang mit der New Economy, dem
Zerbersten des sog. Neuen Marktes und die Stagnation im Wachstum so
negativ, weil diejenigen finanziellen Ressourcen vergeudet wurden, die
heute für eine Investitionsfähigkeit im Ausland dringend erforderlich
wären. Um zu einer zukunftsfähigen EU-Verfassung zu gelangen, muss in
erster Linie die Rolle des Europäischen Parlamentes verstärkt werden.
Sodann muss Europa auf der anderen Seite auch bereit sein, sich von
solchen Ländern wieder als EU-Partner zu trennen, die sich als
Reformblockierer verstehen und ihre Position innerhalb der EU als
Pfründe verstehen, die es gegen jeden Neuankömmling zu verteidigen
gilt. Frankreichs Premier Chirac hat deshalb recht, dass die EU auch
den Ausschluss von Mitgliedern kennen muss, die nur nach den
Fördertöpfen schielen und sich jede Zustimmung zur Fortentwicklung der
EU mit Sondervergünstigungen belohnen lassen wollen. Das Prinzip der
demokratischen Repräsentativität muss so weit wie möglich durchgesetzt
werden. Sonst wird es nicht möglich sein, auf Dauer große Staaten
wie z.B. Russland dafür zu interessieren, sich der EU anzuschließen.
Wenngleich die Ausgestaltung solcher Kooperationen immer voraussetzen
wird, auf die Besonderheiten der beitrittswilligen Staaten Rücksicht zu
nehmen, muss die EU ihre Attraktivität für derartige Beitritte
erheblich steigern. Die EU-Erweiterungspolitik steht deshalb erst noch
vor der Bewährungsprobe, diejenigen Länder zu einem Beitritt zu
bewegen, die nicht ausschließlich auf das EU-Förderungsprogramm
abheben, sondern selbst gewichtige Vorteile in die EU einzubringen
hätten. Unter dieser Kategorie hebt sich Russland in besonderem Maße
heraus: als strategische Atommacht, als Rohstoffland, als
Hochtechnologieträger in vielen wichtigen Bereichen wie z.B. der
Raumfahrt, der Luftfahrtindustrie usw.. Das gilt auch im Hinblick auf
die Mittelmeer-Erweiterung der EU, die für die nächsten beiden
Jahrzehnte erwartet wird - jedenfalls von EU-Enthusiasten, die es für
möglich halten, ähnlich wie vor 2000 Jahren das Römische Reich, selbst
die afrikanischen Anrainer-Staaten, Russland und weitere asiatische
Staaten in den EU-Staatenbund zu integrieren. Aus der Kern-EU, die als
Zusammenschluss der Kernländer des europäischen Abendlandes begonnen
hatte, könnte innerhalb der nächsten Jahrzehnte eine Staaten-,
Währungs- und Wirtschaftsgemeinschaft werden, die wie die alte Seiden-
und Gewürzstraße des frühen Mittelalters Europa, Arabien, Asien im
Sinne von Eurasien verbinden würde. Nur in diesen erweiterten Grenzen
wird die EU in den nächsten fünf Jahrzehnten eine paritätische Rolle im
sog. „dominanten Dreieck“ - USA/Europa/Asien spielen können.
Der Handelskrieg EU ./. USA
Warum
wir eine große und starke EU brauchen? Weil die Globalisierung bereits zu einer
verschärften Form des Handelskrieges geführt hat und die
Auseinandersetzung an Stärke zunehmen wird. Die USA haben lange die
Weltmärkte nach ihren eigenen Regeln dominiert und über den
allmächtigen US $ jedes Handelsbilanzdefizit ausgleichen können. Gegen
ein geeinigtes Europa - vielleicht als "Vereinigte Staaten von Europa",
wird es den USA nicht mehr möglich sein, den US $ als Waffe im globalen
Umverteilungskampf einzusetzen. Der Euro wird den US $ auch als
Öl-Leitwährung zurückdrängen. Damit wird die EU-Wirtschaft auf den
internationalen Märkten an Boden gewinnen. Die EU beginnt zunehmend,
ihre wirtschaftliche Stärke gegen die USA auszuspielen. Ob gegen
Microsoft oder Coca-Cola, die EU-Kommission ist inzwischen ein
ernstzunehmender Gegner großer US-Konzerne geworden. Die EU lässt
Wettbewerbsverzerrungen nicht mehr zu und will künftig jeden Verstoß
der USA gegen die WTO-Regeln mit Strafzöllen ahnden. Die EU-Erweiterung
wird auch den Konzentrationsprozess in vielen Wirtschaftspartnern
verstärken: bei Banken, Versicherungen, Werften u.a.; damit werden
Wirtschaftseinheiten entstehen, die auf den globalisierten Märkten
durch Größe und Finanzkraft bestehen werden.
Was hat Europa mit deutscher Kommunalpolitik zu tun?
Auf
den ersten Blick nichts. Aber wir Deutschen werden lernen müssen, die
wirtschaftspolitischen und geostrategischen Zusammenhänge, die heute
schon bestehen, schnell zu begreifen. “Das ist so interessant, als ob
in China ein Sack Reis umfällt“, sagt der Deutsche, wenn er ausdrücken
will, für wie unwichtig er eine Sache hält. Der Wandel im Denken hat
aber schon stattgefunden. Immer mehr deutsche Manager werden chinesische
Tageszeitungen lesen müssen, um taggenau zu wissen, wie ihre
chinesischen Auftrageber denken, was sie erwarten, wie der nächste
Auftrag aus dem Land der Mitte hereingeholt werden kann. Aber solche
Aufträge abarbeiten wird kaum einem einzelnen EU-Land mehr allein
gelingen. Nur ein wirtschaftlich und politisch geeintes Europa wird in
der Lage sein, international konkurrenzfähige Angebote abzugeben, um
bei den riesigen Aufträgen gegen die mächtige
US-Konkurrenz berücksichtigt zu werden, die z.B. China und Russland bei
der Förderung ihrer unermesslichen Bodenschätze zu vergeben haben.
Auch Kommunalpolitiker müssen die Chancen der EU-Erweiterung nutzen - sogar über die EU-Grenzen hinaus - schon heute.
Die EU und ihr weiteres Wachstum ist auch eine Herausforderung für
jeden Kommunalpolitiker. Unser Sozialstaat kann in den nächsten beiden
Jahrzehnten nicht überleben, wenn Europa nicht in eine führende
ökonomische Rolle in Kooperation mit Russland, China und Asien
hineinwächst. Deshalb muss die Zusammenarbeit auch auf kommunaler Ebene
innerhalb Europas auf allen Gebieten der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit gestärkt werden. Wenn in den Wachstumsregionen Chinas
teilweise Steigerungsraten von 20 % bis 40 % p.a. möglich sind, warum
sollte es dann nicht möglich sein, dass die deutschen Industrieregionen
als Industrieausrüster in dieser Folge um 3 % bis 5 % wachsen. Schon
bei einem Wachstum von 2,5 % p. a. wären die deutschen Sozial- und
Krankenversicherungssysteme zu stabilisieren. Die Ausweitung des
Städtepartnerschaftsgedankens hinein in die Wachstumsmärkte muss
unsere Antwort auf die drohende Stagnation sein. Hier bleibt für viele
Bürgermeister deutscher Gemeinden noch einiges zu tun:
Städtepartnerschaften mit China, Studentenaustausch mit Japan,
Gemeinschaftsprojekte mit Russland und vieles mehr. Über die starren
nationalen Zuständigkeitsregeln hinweg und in Kooperation mit den
Universitäten müssen wir diese Zukunftsaufgabe in Angriff nehmen. Die
deutschen Städte können dabei zusammen mit den Hochschulen die Rolle
des Aushängeschildes und Organisators übernehmen. |