Sanierungsexpertin Dr. Nicole Essiger-Munk, Politikwissenschaftlerin
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05.05.2004
Insolvenzprophylaxe - Wir alle brauchen das zweite deutsche Wirtschaftswunder

Handbuch für die Bundesregierung, Wirtschaftslenker und Gewerkschaften der Bundesrepublik Deutschland

Die Vernichtung des Sozialstaates wurde nicht durch Naturkatastrophen oder eine "Sintflut" herbeigeführt, sondern von uns Menschen selbst. Nach dem zweiten Weltkrieg waren wir, das deutsche Volk, in der Lage, innerhalb weniger Jahre das Wirtschaftswunder und einen funktionierenden Sozialstaat aufzubauen. Um diesen hat uns die Welt beneidet!

Die Symptome des Insolvenzvirus! Jetzt ist es höchste Zeit für die Wende

Fehlentwicklungen haben Vermögenswerte und Unternehmerexistenzen in unvorstellbarem Ausmaß in allen Sparten der Weltwirtschaft - den Börsen, den Immobilienmärkten, der Industrieproduktion u.a. – vernichtet. Staatsregierungen, Wirtschafts- und Staatenbündnisse, Konzernleitungen und internationale Wirtschafts- und Währungsorganisationen sind zu einschneidenden Maßnahmen gezwungen, um zu verhindern, dass die internationalen Kapitalverkehrs- und Auslandsinvestitionsströme vollends kollabieren.

Die Probleme der deutschen Volkswirtschaft sind weitestgehend von Parteien, Verbänden, Gewerkschaften und Funktionären, aber auch der Riege der Vorstände und Aufsichtsräte der sog. ,,Deutschland AG" hausgemacht. An den Schaltstellen unserer Gesellschaft fehlen überzeugende strategische Konzeptionen und der politische Wille zu tief greifenden Reformen. Deutsche Politiker sind dem Irrtum erlegen, sozialen Frieden durch Einbindung der Gewerkschaften in das marktwirtschaftliche System und die halbherzige Verteidigung oder gar durch Aufgabe marktwirtschaftlicher Prinzipien erkaufen zu können.

Über Jahrzehnte hinweg wurde das innovationsfreudige und wachstumsorientierte Unternehmertum in Deutschland faktisch abgeschafft. Parallel dazu überfrachteten Politiker und Verfassungsjuristen den Sozialstaatsbegriff mit ideologischen Fremdkörpern. Die soziale Marktwirtschaft wurde zunehmend als die ideale Wirtschaftsform eines Versorgungsstaates begriffen.

Schlagworte wie ,,Daseinsvorsorge", ,,Grundversorgung" oder ,,Rentenanwartschaft" vernebelten den Verstand unserer Nation und suggerierten dem leichtgläubigen Volk, dass ein Mindeststandard an Wohlstand, ärztlicher Versorgung, die sichere Rente im Alter usw. auch ohne adäquate Gegenleistung beansprucht werden dürfe.

Eine Generation leistungsabstinenter Anspruchsteller übernahm in Deutschland die Führung, in deren geistigen Mittelpunkt der Kampf um die ,,Teilhabe am Bruttosozialprodukt" steht. Dieses wurde nicht etwa als jedes Jahr zu erwirtschaftende Gesamtleistung der Volkswirtschaft verstanden, sondern als unrechtmäßig erworbenes Vermögen der sog. „besitzenden Klasse“.

Das Betriebsverfassungsgesetz, die Mitbestimmung in den verschiedenen gesetzlichen Ausformungen, der Kündigungsschutz, alle Arbeitnehmerschutzrechte, die Betriebsrenten, der Bildungsurlaub, Vermögensbildung für Arbeitnehmer usw. wurden nicht unter dem Gesichtspunkt einer gesamtwirtschaftlichen Verträglichkeit beurteilt, sondern galten schon per se als ein nicht zur Diskussion stehender Erfolg der Klassenkämpfer, den es für alle Zeiten zu zementieren galt.

Die Frage nach den ökonomischen Auswirkungen - auch und gerade für die künftigen Generationen - wurde als gesellschaftspolitisch unzulässig unterdrückt; der Begriff der ,,Generationengerechtigkeit" war noch gar nicht erfunden, geschweige denn der sich dahinter verbergende soziale Brennpunkt erkannt.

Und jetzt ist die Bundesrepublik Deutschland ein Insolvenzfall!

Riesige Kapitalsummen müssen aufgebracht werden, die nur durch eine drastische Verlängerung der Wochen- und der Lebensarbeitszeit generiert werden können - ohne im Gegenzug einen Anspruch auf ein deutliches Mehr an Wohlstand zu erwerben.

Es stellt sich die Frage, wie viel Vernichtung von Marktkapitalisierung sich an den internationalen und nationalen Börsen noch verkraften lässt?

Die deutsche Geschichte kennt kein Beispiel, in der Demokratie, Massenarbeitslosigkeit oder Massenarmut längere Zeit nebeneinander bestehen konnten.

Maxime unserer Überlegungen muss sein, den Insolvenzvirus auf allen Ebenen zu bekämpfen, damit der freie Fall der sozialen Leistungen gestoppt wird und ein menschenwürdiges Dasein gesichert bleibt.

Das deutsche Volk ist zu einschneidenden Reformen auf nationaler und internationaler Ebene bereit. Der Wille, Zwecks Verteidigung von Arbeitsplätzen und zur Aufrechterhaltung des Volkseinkommens Opfer zu erbringen, ist weiter ausgeprägt als viele Staatspolitiker - auch aus Angst um den eigenen ,,Arbeitsplatz" - wahrgenommen haben oder wahrhaben wollen.

Dass Ludwig Erhard und seine soziale Marktwirtschaft zu einem Heldenepos der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde, ist für alle Entscheidungsträger als stete Mahnung zu verstehen, die soziale Marktwirtschaft innerhalb einer globalisierten Weltwirtschaft neu zu verankern und lebensfähig zu halten.

Parteien und Fraktionen, Regierungskoalitionen und die politische Wissenschaft in Deutschland beschränken sich seit Jahrzehnten auf die statische Verwaltung von Problemen und befinden sich in der unglücklichen, aber selbst verschuldeten Position, auf Herausforderungen nur noch reagieren zu können, statt zu agieren.

Aber auch Europa braucht in der Wirtschaftspolitik einen tief greifenden Wandel, der durch eine neue EU-Verfassung allein nicht umzusetzen ist. Der europäischen Wirtschaft muss eine Rosskur gegen die chronische Verschuldung, Überschuldung und Unterkapitalisierung ihrer Unternehmen verschrieben werden.

Das neue Buch von Dr. Nicole Munk zeigt Wege aus der Insolvenzapokalypse hin zur Insolvenzprophylaxe auf.

 

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